Meinung: Der Fall Böhmermann

Von: am: 15.04.2016

Lieber Leser, liebe Leserin,

derzeit kommt man am Fall „Böhmermann“ offenbar nicht vorbei. Es vergeht kaum eine Stunde, in der nicht in der Online-Presse oder im TV in irgendeiner Art und Weise darüber berichtet wird.

Immer wieder höre und lese ich den empörten Aufschrei, wonach hier in unserem Land das Grundgesetz gilt und danach jeder seine Meinung frei kundtun darf. Manchmal wird sogar der Spruch „Satire darf alles!“ gewissermaßen wie ein Gesetz hinzugefügt.

Nun ist es so, dass sehr viele Menschen in unserem Land „Meine Rechte“ wunderbar kennen, den Begriff „Meine Pflichten“ jedoch nicht begreifen.

Sehen wir uns doch die Argumentation bezüglich des Grundgesetzes einmal etwas genauer an.

Meiner Meinung nach beziehen sich die Befürworter Böhmermanns offenbar auf den Artikel 5, Abs.1 GG. Dieser lautet:

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Soweit haben die Befürworter also recht und fordern deshalb lauthals ihr vermeintliches „Recht“ ein.

Dummerweise scheinen sie jedoch ganz bewusst ihr Wissen anderer Artikel des Grundgesetzes zu verschweigen – oder aber sie plappern irgendetwas nach, was irgendjemand mal irgendwann so gesagt hat. Mir fällt nämlich zusätzlich ein:

Artikel 5, Abs. 2 GG:

Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Sieh da – das GG spricht vom Begriff „Ehre“ und „Schranke“.

Schauen wir uns den Artikel 1 GG an:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Wie man unschwer sehen kann, beginnt der Abs. 1 bereits mit den Worten: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dort steht nicht: Die Würde des Deutschen ist unantastbar. Das heißt: Egal, welche Nationalität ein Mensch hat, egal, was er getan hat oder noch macht, egal, was er hat oder besitzt – die Würde des Menschen ist unantastbar!

Artikel 2 GG, Abs. 1 sagt:

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Hervorhebung durch mich.

Und – nur zur Vervollständigung – der Artikel 3, Abs. 1 GG:

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Will heißen: Natürlich hat Erdogan das Recht, die bestehenden Gesetze – wie übrigens jeder andere Mensch auch – auszunutzen.

Wer den perversen, unterirdischen Text Böhmermanns gehört hat (er liegt mir sowohl als Aufzeichnung der Sendung als auch schriftlich vor. Das, was die öffentliche Presse / das TV / der Rundfunk kolportiert, ist nur ein sehr kleiner Teil des Ganzen) und Sitte und Anstand besitzt, kann nicht anders als sich für das, was da verbreitet wurde, zu schämen. Dies ist nicht die Sprache der Deutschen und ich distanziere mich ausdrücklich von dem Inhalt dieses „Machwerkes“! Auch wenn so etwas in einem sog. „öffentlich-rechtlichen“ Sender feilgeboten wird, durch eine neue Art der Wegelagerei bzw. „Schutzgelderpressung“ zwangsfinanziert durch Bürger (also auch durch mich), auch wenn Selbige nicht einmal Radio und / oder TV haben. Nein, diese „Darbietung“ ist nicht in meinem Namen geschehen!

Glaubt Böhmermann wirklich, durch vorausgeschicktes Pseudogeschwafel wie „Was man nicht sagen darf!“ davon ablenken zu können, dass er das, was er gesagt hat, auch genauso sagen wollte? Vielleicht verbunden mit der Hoffnung, durch diese… „Einleitung“ … straffrei davonzukommen?

Auch wenn ich Merkel und ihre Zusammenarbeit mit Erdogan in keinster Weise billige, und auch wenn ich das, was Erdogan in seinem eigenen Land mit den Menschen durchzieht zutiefst mißbillige, so ist meine Meinung: Es ist an der Zeit, den vemeintlichen „Satire-darf-alles“-Schwätzern einen Stopper zu verpassen. Seit wann steht ein Spruch eines Kurt Tucholsky (wer weiß, in welchem Zusammenhang getätigt!) über unserem eigenen Grundgesetz?





One Comment to Meinung: Der Fall Böhmermann

  1. kolibri sagt:

    Ein freundliches Hallo ins www!

    Vielen Dank für diesen gelungenen Beitrag. Das, was wir (viele?) noch(?) „versuchen“ unseren Kindern beizubringen – Sitte, Anstand, Moral -, wird weggewischt durch all das, was Satire darf. Erfreut war ich deshalb auch, als in der bisher einzigen Sendung im BR – „quer“ – der „Erguß“ des Herrn Böhmermann ebenso kritisch hinterfragt wurde.
    In diesem Zusammenhang erlaube ich mir auch den Hinweis, wohin unsere deutsche Sprache verbal abrutscht, wenn ich in einer großen Samstagabend-Show einen volkstümlichen alternden – oder nicht altern wollenden? – Sänger in einem roten Mantel mit der Aufschrift „Arschkarte“ sehe und das mit der Begründung, der Fußball sei halt etwas derb…
    Ich distanziere mich, genauso wie der Verfasser dieses Blogs, von dem „Gedicht“ des Herrn Böhmermann.

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