Bahre oder Trage? (2) reloaded

Gepostet von: | Gepostet am: Samstag, 23. November 2013

Vor einiger Zeit veröffentlichte ich in diesem Blog den Artikel Bahre oder Trage?. In diesem Artikel ging ich auch auf die teilweise mehr als falschen Benennungen von Fachbegriffen ein sowie der Beteiligung von Presse/Funk/TV.

Gestern nun, am 22.11.2013, fiel mir ein Artikel ins Auge, der mein Interesse alleine bereits aufgrund der Überschrift weckte:
Zu viel des Guten: BRK kündigte zwei Rettungsassistenten in nordbayern.de

Ich gebe den Artikel hier wieder, falls er nämlich… still und heimlich verschwindet oder aber „transparent“ abgeändert wird. So bleibt zumindest der Text vorhanden:

BAD WINDSHEIM – Im Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes sorgen zwei Kündigungen für Aufregung. Weil sie bei einem Notfalleinsatz ihre Kompetenzen überschritten haben sollen, erhielten zwei Rettungsassistenten bereits Ende August ihre Kündigung. Die Gewerkschaft Verdi machte den Fall publik, sie kündigte für kommenden Montag eine Pressekonferenz an.

Zwei Angestellte des BRK wurden nach angeblich falscher Behandlung von Patienten entlassen.

In beiden Fällen wurden die Einsatzkräfte zu Epileptikern gerufen, die unter schweren Krämpfen litten, so die Information von Verdi. Während einer der Rettungsassistenten ein Medikament über einen so genannten Verdampfer verabreicht hat, wurde dieses im zweiten Notfalleinsatz nur zur Anwendung vorbereitet, aber nicht genutzt.

Für Gewerkschaftssekretär Hans-Christian Kleefeld sind beide Kündigungen indiskutabel. Das Problem liege in dem „schwer definierten“ Einsatzbereich von Rettungssanitätern bis zum Eintreffen des Notarztes. Geregelt sei dieser Zeitraum unter anderem durch die Notkompetenz, die Rettungssanitätern mehr Kompetenzen einräumt, wenn es um Maßnahmen zur Lebenserhaltung und die Abwendung schwerer gesundheitlicher Störungen geht.

Regelmäßig stünden Rettungsassistenten vor dem Dilemma, welche Möglichkeiten sie ausschöpfen können, sagt Kleefeld, vor allen Dingen, wenn nicht klar ist, wann der Notarzt eintrifft.

Notarzt beschwerte sich

Erschwerend kommt für ihn in beiden Fällen hinzu, dass Auslöser für die Kündigung nicht etwa eine Patientenreklamation oder gar Komplikationen beim Einsatz waren. Vielmehr hat sich laut Verdi ein Notarzt beschwert. Zumal sich zwischenzeitlich ein weiterer Notarzt zu Wort gemeldet hat, der den Rettungssanitätern korrektes Handeln bestätigte, stellen die beiden Kündigungen für Kleefeld eine „völlig überzogene“ Maßnahme dar.

Da es sich um laufende Verfahren handelt wollte sich Ralph Engelbrecht, der Kreisgeschäftsführer des Roten Kreuzes, nicht zu den Vorgängen im Kreisverband äußern. Er bestätigte lediglich die Kündigung von zwei Rettungsassistenten. Ihm zufolge wird im Januar zunächst ein Fall vor Gericht kommen, für die zweite Auseinandersetzung wird nach einer außergerichtlichen Lösung gesucht.

(Bitte beachten Sie auch – sofern noch im Original aufrufbar – die teilweise äußerst „qualifizierten“ Kommentare unterhalb des Artikels!)

Nachdem ich diesen an sich interessanten Beitrag gelesen hatte, war ich aufgrund der Verschwurbelungen ratloser als vorher, ließ er doch mehr Fragen entstehen als sie zu beantworten, z.B. alleine die Fragen:

  • Waren es nun Rettungssanitäter oder Rettungsassistenten?
  • War vielleicht ein KTW anstelle eines RTW gesandt worden, womöglich gar nur mir Rettungshelfer und Rettungssanitäter besetzt?

Die Antworten auf diese Fragen sind für die weitere Beurteilung der Schwere des … Vergehens unglaublich wichtig, haben doch die einzelnen Berufe naturgemäß immense Ausbildungsunterschiede – und damit auch Kompetenzen:

  • Rettungshelfer: 160 Stunden Ausbildung
  • Rettungssanitäter: 520 Stunden Ausbildung
  • Rettungsassistent: mind. 2000 Stunden Ausbildung. Manchmal auch zusammengesetzt aus 520 Stunden RettSan zzgl. 1600 Stunden zum RettAss
  • Ab 2014: Notfallsanitäter. Regulärer Ausbildungsberuf. Ausbildungszeit: 3 Jahre

Hatten die Redakteure der Zeitung einmal mehr völlig quergelesen, oder haben die Verantwortlichen des BRK eine solche Erklärung tatsächlich abgegeben?

Um diese Fragen zu klären, nutzte ich die Kommentarfunktion und sandte am 22.11.2013 um 18:48 Uhr folgenden Beitrag ab:

Betreff: Ähm…

…@Redaktion: Könnten Sie sich vielleicht irgendwann einmal entscheiden, ob Sie „RettungsSANITÄTER“ meinen (520 Std.-Ausbildung, auf einem RTW i.d.R. Fahrer) oder „RettungsASSISTENTEN“ (Ausbildung 2000 Stunden, auf einem RTW Beifahrer) – dann würde der Fall vielleicht auch aus gesetzlicher Sicht etwas klarer werden und die Kompetenzen besser abschätzbar sein. Erst NACH dieser Klärung darf man über die mehr als unterschiedlichen Kompetenzen diskutieren, die im übrigen nur teilweise durch Gesetze vorgegeben, eher jedoch leider behindert werden. Normalerweise trifft im Vorfeld ein kompetenter „Leitender Notarzt“ (LNA), so es hoffentlich einen gibt, eine Entscheidung, wie weit ein RettAss gehen darf [Art.11 Abs.1 BayRDG]! War das Fahrzeug gar nur ein KTW, der mangels RTW mal wieder zu Patienten gesandt wurde? Weil billiger und in Bayern leider Gottes erlaubt [Art. 43 Abs. 3 BayRDG]? Dann wäre er möglicherweise sogar nur mit einem RettungsHELFER (160 Stunden, Fahrer) und einem RettungsSANITÄTER (520 Stunden, Beifahrer) besetzt. Hier jedoch werfen Sie presseüblich wieder einmal mehr alles durcheinander und stiften wie durchaus häufiger mehr Verwirrung als daß Sie zu einer fachgerechten Aufklärung Ihren Beitrag leisten. 🙂

(Ich bitte den gesamten Textblock zu entschuldigen; leider sind Absätze in der Kommentarfunktion bei nordbayern.de nicht vorgesehen.)

Es sind derweil viele Beiträge freigegeben worden. Meine offensichtliche Kritik an nordbayern.de wurde einmal mehr nicht freigegeben.

Meine Ansicht dazu:
So macht die Presse Meinung. Gut, daß es heutzutage das Internet gibt! 🙂


Am 25.11.2013 konnte ich bei meiner Nachkontrolle feststellen, daß nicht nur mein Beitrag freigegeben worden ist, sondern auch die notwendigen, wichtigen Korrekturen vorgenommen worden sind.

Name und Link des Artikels haben sich im Übrigen geändert:
Kündigung nach Notfalleinsatz: Heute ist Pressekonferenz

Es gibt dort übrigens einen Beitrag, den ich mehr als erschreckend finde:

@ Ähm… schrieb am 24.11.2013

wo ist der Unterschied zwischen Rettungssanitäter und Rettungsassistenten, die beide sagen wir mal 20 Jahre Berufserfahrung haben und jährlich auf Pflichtfortbildungen müssen?


Inzwischen hat es die Geschichte auch schon zur Süddeutschen Zeitung geschafft. Ebenso wie den Artikel von nordbayern.de veröffentliche ich den Artikel hier wortwörtlich wegen der möglicherweise transparenten Änderung:

26. November 2013 09:47
Kündigung wegen Medikamentenabgabe
Sanitäter oder Übeltäter

Zwei Rettungsassistenten aus Franken haben Epilepsie-Patienten lieber gleich ein Notfall-Medikament verabreicht, statt auf den Notarzt zu warten. Durften sie das? Ein Grenzfall. Das Rote Kreuz hat ihnen fristlos gekündigt.

Von Olaf Przybilla

Eines ist für Werner Zurwesten, 53, nie in Frage gekommen, sagt er. Und zwar keine Hilfe zu leisten, wenn offenkundig sei, dass da jemand dringend Hilfe benötige. Der Satz kann man so auch von Wolfgang Braungardt, 48, hören. Und auch sonst haben die beiden vieles gemeinsam. Beide sind – oder waren – Rettungsassistenten beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Neustadt an der Aisch. Beide wurden zu Hilfe gerufen zu Patienten mit schweren epileptischen Anfällen. Über beide hat sich nach ihren Einsätzen ein Notarzt beschwert, weil sie mit einem Medikament gegen die Krampfanfälle helfen wollten. Und beiden wurde wenig später vom BRK-Kreisverband fristlos gekündigt.

Ihre Einsätze liegen schon vier Monate zurück, der eine hat sich am 20. Juli zugetragen, der andere einen Tag später. Gekündigt wurde beiden Sanitätern im August. Geschädigt wurde niemand durch die Verabreichung des Anfallmedikaments, beschwert haben sich die Patienten auch nicht. Warum auch? Ihnen wurde ja geholfen. Beschwert hat sich aber jeweils der später eintreffende Notarzt, es war in beiden Fällen derselbe. Beide Rettungsassistenten hätten ohne „Notkompetenz“ Medikamente verabreicht oder gerade verabreichen wollen, so lautet der Vorwurf.

Ein Vorwurf, über den Hans Joachim Schirner, Bereitschaftsarzt aus dem Landkreis Neustadt/Aisch, nur den Kopf schütteln kann. Schirner war selbst viele Jahre Notarzt im westlichen Mittelfranken, einer der ländlicheren Regionen Bayerns. Wenn dort mehrere Notrufe zur selben Zeit eingehen, sagt Schirner, dann sei es für Rettungssanitäter nahezu unmöglich einzuschätzen, wie lange das noch dauere, bis ein Arzt kommt. Im Fall von Werner Zurwesten etwa war der Rettungssanitäter nach 13 Minuten am Einsatzort, zehn Minuten später erst kam der Notarzt.

„Das entbehrt jeder Logik“

Zurwesten hatte da bereits ein Notfallmedikament über die Nase der Patientin verabreicht. Und zwar eines mit einem Wirkstoff, der Laien von diversen Epilepsiezentren empfohlen wird, damit sie diesen ihren Angehörigen im Notfall verabreichen können. Eben jener Wirkstoff wird auch von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfohlen: Laien könnten mit diesem bei akuten Krampfanfällen helfen. „Laien dürfen das, aber bei einer Vergabe durch einen Rettungsassistenten wird diesem gekündigt“, empört sich der Arzt Schirner, „das entbehrt jeder Logik.“

Zumal Rettungsassistenten selbstverständlich selbsttätig handeln dürften und sogar müssten: wenn nämlich im Einzelfall „überbrückende Maßnahmen“ getroffen werden müssen, um schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden. Bei einem lange andauernden epileptischen Anfall – einem sogenannten Status – scheint das offenkundig zu sein: Gehirnzellen werden irreversibel geschädigt, in einem von zehn schweren Krampfanfällen droht sogar akute Lebensgefahr. Für einen „Skandal“ hält Bernd Spengler, der Anwalt der beiden Rettungsassistenten, schon deshalb die Kündigung. Zumal ein anderer Notarzt inzwischen bestätigt habe, dass die beiden Sanitäter richtig gehandelt hätten.

Die BRK-Landesgeschäftsstelle stärkt dem Neustädter Kreisverband demonstrativ den Rücken. Die Sanitäter hätten sich nicht an die „Richtlinien und Vorgaben“ gehalten, erläutert Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. Und beide Sanitäter hätten sich solchen Vorwürfen nicht zum ersten Mal ausgesetzt. Sie seien zur „Medikamentengabe offenkundig nicht berechtigt“ gewesen. Denn Medikamente dürften Rettungsassistenten nur dann verabreichen, „wenn schwere Schäden drohen“.

BRK-Kreisverband gibt sich zugeknöpft

Der BRK-Kreisverband selbst gibt sich in beiden Fällen zugeknöpft. Kreisgeschäftsführer Ralph Engelbrecht will sich nicht äußern, eines beim Arbeitsgericht anhängigen Verfahrens wegen. Es gäbe bei beiden Personalien aber „weitere Aspekte“. Der kursierende Vorwurf, es sei zwei „unbequemen und kritischen Mitarbeitern“ gekündigt worden, treffe aber nicht zu, beteuert Engelbrecht.

Unbequemer Mitarbeiter? Werner Zurwesten nennt sich selbst so. Wenn unbequem heiße, „dass einer nicht müde wird, Fragen zu stellen“, dann sei er das zweifellos. Die Situation für Rettungssanitäter bei schweren epileptischen Anfällen sei nicht geklärt, darauf habe er immer wieder hinzuweisen versucht. Hätte er einfach auf den Arzt gewartet, „dann hätten von hundert Notärzten 99 gesagt: Bist du besoffen, dass du da nicht mit einem Medikament hilfst?“ – da sei er sich sicher.

Jener Notarzt aber, mit dem er es an dem Tag zu tun bekam, habe sich eben über ihn beschwert. Zurwesten will nicht mehr zum BRK zurück, nach dem Vorfall komme das für ihn nicht mehr infrage. Braungardt dagegen will seinen Fall vor dem Arbeitsgericht durchfechten, „auch wenn ich das Grundvertrauen verloren habe“, sagt er.

Ihre beiden Fälle haben in Neustadt an der Aisch gehörigen Ärger ausgelöst. Der Bereitschaftsarzt Schirner berichtet, dass sich ehrenamtliche BRK-Mitarbeiter dort entschieden hätten, „bis zur juristischen Klärung dieser Angelegenheit nicht mehr am Rettungsdienst teilzunehmen“.

Auch hier – einmal mehr – bitte ich die sehr … „qualifizierten“ … Kommentare dazu zu lesen.

Insgesamt muß ich feststellen, daß hier dreingeschlagen wird, obwohl ich mich des Eindruckes nicht erwehren kann, daß 99% der Leserbriefschreiber absolut keine Ahnung von Rettungsdienst und den dazugehörigen Gesetzen haben.

Wenn dies hier bereits so ist – wie sieht es dann bei anderen Themen nur aus? Genauso? Das macht nachdenklich…





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